Orgelporträt

mit Gedanken zum Entwurf der Georges-Heintz-Orgel in der Herz Jesu Kirche Oberhausen-Mitte von Burkhart Goethe

Von innen nach außen: Beziehungen

Zugegeben: Nicht immer ist der Begriff „Beziehung“ mit einer positiven Bedeutung behaftet, vor allem dann, wenn es sich um die vorteilhafte Konnexion zweier Partner zu Lasten Dritter handelt. Beim ineinander verzahnten Organismus der Gestaltung von Orgeln indessen vermag der Begriff „Beziehung“ die simultane „Einbeziehung“ verschiedener Parameter auszudrücken. Vielmehr noch: Die Beziehungen werden so dicht, dass – im guten Sinne – Abhängigkeiten entstehen. Und das Resultat kann – wenn es gut gerät – allen Beteiligten nur dienen, auch wenn Lasten (in diesem Fall finanzielle) getragen werden müssen.  Daher also: Beziehungen…

… zur Musik: Am Anfang stand hier ein sorgfältig erarbeitetes Konzept der Sachverständigen und Musiker. Wir Orgelbauer haben es freudig übernommen und dabei versucht, eigene Ideen einzubringen, ohne das Grundgerüst zu ändern. Die klangliche Architektur der Orgel verleugnet keinesfalls eine „french connection“, französische Einflüsse also, die in diesem Fall nicht modisch, sondern berechtigt erscheinen, da das Haus Heintz eine dichte Beziehung zum benachbarten Elsaß hat. Für die Gestaltung der ganzen Orgel, also auch des Äußeren, waren die musikalischen Bezüge bereits von größter Wichtigkeit.

… zum Raum: Selten haben wir Orgelbauer das Glück, einen so idealen Raum für eine neue Orgel zur Verfügung zu bekommen. Breite und vor allem Höhe gab es im Überfluss, so dass alle gestalterischen Kräfte dem eigentlichen Zweck zugeführt werden konnten und nicht für jene, heute schon fast üblich gewordenen „geduckten“ und „verkröpften“ Kompromisslösungen verschwendet werden mussten. Eine gute Orgel ist klanglich, technisch und gestalterisch von der Qualität des Raumes zu einem sehr großen Teil abhängig. Die gewaltige Wand über dem Eingang der Herz Jesu Kirche hat bereits bei der ersten Betrachtung ein „Jucken“ in den Händen des Unterzeichners ausgelöst: Endlich einmal wieder eine gute, eine hervorragende Beziehung zum Raum!

… zu den Raumproportionen: Wie sehr häufig bei neugotischen Räumen der Fall, verfügt die Herz Jesu Kirche über ausgezeichnete Proportionsverhältnisse. Breite zu Höhe stehen im Verhältnis 1:1,5 – also annähernd dem „Goldenen Schnitt“. Die Emporenhöhe ist – ebenfalls nach alter Art der Baumeister – im ersten Drittel der Raumhöhe angelegt: Beste Voraussetzungen für eine gut proportionierte Orgel. Nun ist die Beziehung Orgel : Raum eine Ebene, zusammen mit denen der technischen und architektonischen Gestaltung wiederum in Relationen zueinander zu bringen.

Die Proportionsreihen der jeweils größten Prospektpfeifen („Progressionen der Pfeifentürme“) wurden hier in klassischer Art gewählt, nämlich in „Fuß“: Außen 12 Fuß (Prinzipal 16’ ab E), dann 8 Fuß und 4 Fuß, im Rückpositiv 6 Fuß und 4 Fuß. Das Orgelgehäuse weist somit die gleichen Proportionen des Raumes (1:1,5) auf, jedoch insgesamt im Verhältnis 1: 1,8 verkleinert.

Das Zentrum der Orgel liegt ferner im Kreuz der diagonalen Linien von Empore und gesamter Wand über dem Eingang. Überdies ist auch die Drittelung der Raumhöhe einbezogen: Die Prospektfront ist genau so hoch wie ein Drittel der Höhe. Und schließlich liegt die Unterkante des Hauptprospektes exakt auf der Halbierungslinie der Gesamthöhe. Die Zeichnung des Proportionsschlüssels kann diese Bezüge verdeutlichen.

Es stimmt, dass man den meisten Bauwerken nachträglich Proportionen „unterschieben“ kann. Ebenso richtig ist jedoch die Tatsache, dass die Alten seit dem Mittelalter und früher ihre Proportionen ganz selbstverständlich handhabten und in Theologie, Philosophie und Künsten eng verwurzelt sahen. Im Pluralismus unserer Zeit ist dies Denken leider etwas abhanden gekommen.

… zur Technik der Orgel: Auch hier eine ganz enge Abhängigkeit. Man kann zwar in einer Zeit der „unbegrenzten Möglichkeiten“ auch im Orgelbau (fast) alles machen. Die Frage ist nur: Dienst es dem Klang und einer sensiblen, artikulierfreudigen Spielart? Die „klassische“ Schleiflade in einer axialen Anordnung von Spielschrank und Trakturen (= den Verbindungen von Taste zu Pfeifenventil) ist immer noch das beste System, wie eine stattliche Zahl hervorragender historischer Instrumente auf der ganzen Welt zeigt.

Bei der Planung neuer Orgeln sollte Pragmatismus vor aller Idealisierung stehen: Etwa die Anlage der Windladen in Räumen mit modernen Heizungssystemen. Wir haben aus diesem Grunde die Windladen in Oberhausen mit Ausnahme des Rückpositives auf ein gemeinsames Niveau gelegt. Verstimmungen durch Einflüsse oder Heizung werden so weitgehend vermieden.

… zur Statik und Akustik: Wir kennen es von Cello und Kontrabass: Ein klingender Körper ruht auf der ganz kleinen Basis des „Stachels“. Bei unserem Instrument wurde ebenfalls weitgehend auf die „Überstatik“ riesiger Stahlträger verzichtet. Das soll jedoch nicht heißen, dass die Orgel „auf Sand gebaut“ wäre: Ebenfalls nach klassischem Vorbild ruht der Haupt-Klangkörper, das akustisch schwingende Hauptgehäuse also, auf einem schmalen Sockel. Die massive Gehäusekonstruktion aus Holz trägt gleichzeitig die Windladen. Das Orgelgehäuse ist somit also nicht nur das „Kleid der Königin“ (der Instrumente), sondern bekommt ganz wesentliche, funktionale Bedeutung.

Auch dies muss bereits beim ersten Federstrich eines Entwurfes berücksichtigt werden.

… zu Farbe und Ornament: Die Farbgestaltung – als Entwurf angelegt – wurde im Verlauf des Projektes von qualifizierten Fachleuten zusammen mit der Gemeinde weiterentwickelt und realisiert, im engen Kontext zur Gesamtgestalt des Raumes. Die anfängliche Idee eines rötlichen Grundtones ist beibehalten. Als Ornamente haben wir Blattmotive gewählt, weil das Blatt ein wichtiges Symbol christlicher Hoffnung ausdrückt. Eine ganz wesentliche Komponente der Gesamtgestaltung war jedoch auch die Linienführung der Pfeifenlabien und Fußlängen. Auch sie stand in Beziehung zu den Raumlinien.

… zu den Menschen und ihrer Umwelt: Beziehungen von innen nach außen – immer wieder stellt sich der planende Orgelbauer die Frage, ob die Gestaltung einer aufwendigen Orgel verantwortbar ist im Angesicht der Probleme unserer Zeit. Dass Hilfe auf der ganzen Welt wie auch hierzulande und ganz besonders in problematisch strukturierten Regionen nötig ist, bedarf keiner Frage. Doch zu einem wirksamen Helfen gehört Stärke, nicht nur wirtschaftliche, sondern vor allem auch innere, geistige und seelische Stärke. Wir Orgelbauer erleben immer wieder, dass die Kraft zum Helfen gerade in jenen Gemeinden wächst, welche in Gottesdienst und Liturgie diese geistige und geistliche Stärke immer wieder neu erfahren. In der Hypertrophie unserer Zeit gilt es daher, nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch seelischer Verarmung zu begegnen. Gerade die Musik der Orgel kann Klage und Bitte des Menschen vor Gott bringen, vermag Herz und Seele des Menschen so zu stärken, dass er Kraft bekommt, sich seinem Nächsten zu öffnen.

… zum Schnittpunkt aller Proportionen: Seit alters her weist das Kreuz unserer Kirchen eine besondere Relation zwischen längerer Vertikalachse und kürzerer Horizontalen auf: Metapher für die Beziehungen von „diaconia“ und „liturgia“, dem Verhältnis Gottes zu den Menschen und der Menschen untereinander. Der Schnittpunkt des Kreuzes ist Christus, das Zentrum aller Zentren. Sinn und Zweck allen Tuns und Handels von Christen sollte daher dieses Kreuz sein. Es wäre vermessen, hier von „Beziehung“ zu sprechen, vielmehr steht bei einer freudigen Orgelweihe der Dank: Dank nämlich für alle kreativen Kräfte, die in Beziehung standen beim Wachsen und Werden des Instrumentes und die bei Musikern wie der Gemeinde weiter anwachsen und gedeihen.

Das Herz Jesu Bild als Ausdruck besonderer Christusfrömmigkeit entstand im hohen Mittelalter besonders auch durch die Einwirkung der Mystiker. Einer von ihnen, nämlich Heinrich Seuse, sei zum Schluss angeführt, das Gespräch einer Seele mit Gott:

Der Diener: Herr, was soll mich ermutigen, was soll mich stützen?

Die ewige Weisheit: Du sollst dich oft in dem schönen köstlichen Baumgarten meines blütenreichen Lobes ergehen. Es gibt auf Erden kein trefflicheres Vorspiel himmlischen Aufenthaltes denn die, welche Gott wohlgemut und in Freuden loben; es gibt nichts, was einem Menschen so seinen Sinn erhöbe, sein Leid erleichtere, die bösen Geister vertriebe, die Schwermut beseitigte, als frohes Lob.

Gott ist diesen Menschen nahe, die Engel sind ihnen vertraut, sie sich selber nützlich. solch ein Lob bessert den Nächsten, erfreut die Seelen; das ganze himmlische Heer wird durch das frohgemute Lob geehrt. (Heinrich Seuse: „Büchlein der ewigen Weisheit“ um 1330, Übertragung: Georg Hoffmann)

Möge das Instrument und seine Musiker in diesem Sinne in der Gemeinde der Herz Jesu Kirche wirken – in jeder Beziehung!

Schwäbisch Hall, Herbst 1990 Burkhart Goethe

Technische Daten

  • Erbauer: Georges Heintz, Schulfach
  • Baujahr: 1990
  • Traktur: mechanische Spiel- und Registertraktur
  • Manuale/Pedal: 4 Manuale und Pedal
  • Anzahl der Stufen zur Ogelempore:  So viele, dass man bis zum Renteneintritt fit bleibt.